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TERESA ELLINGER
* 1993 in Grünstadt

02/2019 – 07/2019
Visuelle Künste, Universidad de Antioquia, Medellín

02/2018 – 06/2018
Fachklasse für Fotografie, Academie Royal des Beaux-Arts, Brüssel

seit 2015
Fachklasse für dreidimensionales Gestalten,  Martin Honert, HfBK Dresden

seit 2014
Studium der Bildenden Künste an der HfBK Dresden

 

Ausstellungen (Auswahl)

2019
Mein Sehen bleibt physisch folgenlos || ALTANA Galerie | Dresden

2018
Talking Modern || Geh8 | Dresden
BARAKA || La Valée | Brüssel
MIX1 || La Récré | Brüssel

2017
Junge Fotografie Heute || Forum für zeitgenössische Fotografie Dresden e.V. | Galerie Kunsthaus Raskolnikow | Dresden
Wenn Sachen Sachen machen || Galerie | HfBK Dresden

2016
PLEASE DO SO NOW || Senatssaal | HfBK Dresden
Geschichten von unseren Rennpappen ||Platz Da | Dresden 

ERINNERUNG UND WAHRNEHMUNG: VOM SINN DES REISENS 

Bruchstücke aus verschiedensten Quellen finden in „Danke für die Blumen“ zusammen. Das A5-formatige Buch vereint Versatzstücke des Reisens und ordnet die Texte und Bilder nacheinander, übereinander und miteinander an. Zu sehen sind zum einem zahlreiche Abbildungen: graue, nebelige Landschaftsfotografien, Bilder aus Zeitschriften, die Menschen im Urlaub abbilden und schwarz-weiß Fotografien, die teils geschwärzt sind. Die Texte werden aus Zeitschriften-Anzeigen und -auschnitten, einzelnen Seiten aus einer Apodemik und eigenen kurzen Textzeilen entworfen. Insgesamt entwirft die Künstlerin damit eine Collage, welche die Wahrnehmung des Reisenden, die Reaktion auf das Fremde und auf etwas Neues in den Vordergrund stellt. Blättert man durch die Seiten, spürt und sieht man zudem die unterschiedlichen Materialien, die den Originalzustand der Quellen wiedergeben.

Mit dem Diskurs zur Erschließung von Fremden und zugleich Neuen werden verschiedene Ebenen der Betrachtung geöffnet. Zum ersten fällt hier der historische Rückblick auf. Die Apodemik als Form des Reiseberichts wurde schon in der frühen Neuzeit angewendet und zog sich bis in die Moderne fort. Die literarische Gattung diente als eine Anleitung zum Verhalten auf Reisen sowie für Reflexionen zum Sinn des Erkundens. Während das Reisen historisch hier als humanistische und reflektierende Praxis, die eine lehrhaften Part innehaben sollte, beschrieben wird, steht dem die heutige Form des Reisens gegenüber. Zuvorderst ist es zuallererst Urlaub, Entspannung und Vergnügen – meist durch einen strikt ausgearbeiteten Reiseplan organisiert und in Magazinen angeboten. Es ist aber auch Finden, Sammeln und Erfahren.

Dies leitet zur zweiten Ebene über, welche bebildert und beschreibt, wie mit dem Äußeren umgegangen wird und wie Orte wahrgenommen werden. Wegreisen bedeutet für den*die Erholung suchende*n Europäer*in vor allem eins: Sommer, Sonne, Badehose. Die geeignetste Form stellt dabei seit Jahren der Cluburlaub dar, alles ist durchgeplant, All-Inklusive und das Hotel strandnah. Was dem Reiseziel nicht fehlen darf ist bestes Strandwetter, Palmen und Freizeitangebot. „Hauptsache in den Süden“ lautet das Motto. Interesse für Länder, Kulturen oder Austausch steht bei dieser Form von Urlaub nicht im Vordergrund. Ob das Resort nun in Ägypten, Brasilien oder Thailand ist, mehr als den Weg vom Flughafen in das Hotel sieht der Urlaubsgast vom Land meist nicht. Diesen Bildern begegnet das Werk mit Einschüben der Künstlerin: „Fremd“ und „Alles was ich euch zeige, bin vielmehr ich, als irgendetwas anderes.“ steht am unteren Teil der Seite gegenüber den Klischee-Bildern. Welche Perspektive die Worte einnehmen, kann der*die Betrachtende selbst entscheiden, die Fremde des Ortes oder die Fremde des Touristen dem zu Hause auf Zeit gegenüber. Zudem finden sich auch sensiblere Beobachtungen und Auseinandersetzungen mit besuchten Orten in den nebligen Landschaftsfotografien oder in Mitbringseln wie dem abgebildeten Herbarium. Doch auch hier geschieht die Auseinandersetzung mit dem Bild des beobachtenden und konsumierenden Reisenden, wenn es heißt: „die Fremde spricht trotzdem spreche ich für sie über sie“.

Diese kritische Beobachtung öffnet letztere Ebene: Wie ordnet sich der Reisende selbst in sein Umfeld ein? Welche Sinnhaftigkeit bezwecken wir mit der Flucht aus dem Alltag? Diese Fragen stellen sich beim durchblättern des Büchleins und leiten eine Selbstreflexion ein. Der*die Betrachtende reflektiert das eigene Reiseverhalten, jene*r kann vieles sein: Sammler*in, Fotograf*in, Clubtourist*in, Wanderer*in oder auch Abenteuerwütige*r. Aber irgendwie immer suchend nach dem Neuen und Weiten.

von Jenny Mehlhorn – Kunsthistorikerin , Dresden

TERESA ELLINGER

Teresa Ellinger begann mit der Arbeit in selbstgebundenen Büchern verschiedener Formate, die für sie anfangs als Skizzenbücher fungierten, bald aber zu eigenständigen Kunstwerken wurden. Allerdings findet man bei ihr keine Zeichnungen. Ihre Bücher füllt sie mit vielgestaltigen Raumsituationen in Form von Scherenschnitten, bei denen mehrere Ebenen eines Raumes auf einzelnen Seiten übereinandergelegt werden. Die dargestellten Orte finden ihre realen Vorbilder teils in Fotografien und teils direkt vor Augen der Künstlerin, die diese manchmal kurz skizziert, um sie später in einen Scherenschnitt zu übertragen und manchmal direkt in dieser Situation schneidet. Die Bücher bilden ein System aus vielen einzelnen Raumsituationen, die unabhängig voneinander Einblicke in unterschiedliche Szenen geben und gleichzeitig interagieren. Die Auswahl der abgebildeten Formen erfolgt nach dem Prinzip, dass man bei längerer Betrachtung eines Raumes immer mehr Konstellationen findet, die sich als Form zusammenfassen lassen. 

Die Auseinandersetzung mit Raum und dessen Beschaffenheit wird fortgesetzt und in die Dreidimensionalität übertragen. Kisten unterschiedlicher Formate füllt die Künstlerin mit eigenen Fotografien verschiedener Orte; ausgeschnitten und collagenartig hintereinander gestapelt entsteht ein neuer Raum. Es handelt sich hierbei um einen Landschaftsvorschlag, bei dem Perspektive und Farbigkeit zusammenwirken. Die Auswahl und Zusammenstellung der fotografischen Stücke geschehen intuitiv, in einem Prozess, der von Finden und Suchen zu gleichen Teilen bestimmt ist. Entscheidend ist, ob der neue Raum glaubhaft wird und ein Gefühl für den Raum sowie eine Raumwirkung entstehen kann. Das Ergebnis ist nicht intendiert, aufgeschlüsselt zu werden. Vielmehr soll ein neuer Raum erschaffen werden, nicht aus repräsentativen Bildern, sondern aus einzelnen Gefühlen der verschiedenen Orte.

Ähnlich äußert sich diese Herangehensweise in Teresa Ellingers anschließenden kleinformatigen Arbeiten, in denen sie Fotografien mit verschiedenen Papieren und Pappen kombiniert. In diesen sehr filigranen Collagen erforscht die Künstlerin, welche Ausschnitte ein Bild bestimmen und wie viel Reduktion nötig ist um den Transfer in eine abstrakte Landschaft zu schaffen. Dies geschieht durch das Reduzieren, das Neuzusammensetzen, das Eingreifen in die Erinnerungswelt.

Zum Studium der Fotografie verschlug es Teresa Ellinger zeitweise nach Brüssel, wo sie sich in 50 Visages, 50 Images mit Erscheinungsbildern beschäftigte. Der Terminus „Visage“ beschreibt im Französischen Aussehen, Bilder, Oberflächen, Minen, die durch ihre Beschaffenheit und daran geknüpfte Rezeptionsmuster Auskunft über Wesen und Charakter suggerieren. Somit ist der Begriff nicht dem menschlichen Gesicht vorbehalten, sondern auch auf abstraktere Zusammenhänge wie Städte oder Gesellschaft anwendbar. Die Frage inwieweit sich Wesenszüge an äußerlichen Erscheinungsformen ablesen lassen spiegelt sich in der Arbeit wider. Konkret geht es der Künstlerin hierbei um die Überlegung, dass menschliche Wesenszüge vor allem sichtbar werden, wenn es eine Interaktion gibt, wenn auf ein Gegenüber reagiert wird. Untersucht wird, wie sich das verhält, wenn ein Part nicht physisch anwesend, sondern tatsächlich nur oberflächlich teilhaben kann – auf einem Computerbildschirm. Die Fotoserie zeigt Personen, die sich gerade in einem Skypegespräch befinden. Die Wahl des Bildausschnittes ist in allen Fotos ähnlich, das Portrait ist neben dem Einbezug des Raumes und der Stimmung gleichrangig. Im Zentrum steht die Atmosphäre des Momentes, das Einfangen von Intimität im Kontrast zum kalten Licht des Bildschirmes als einziger künstlicher Lichtquelle im Raum. Es wird von Nähe und Distanz erzählt, so handelt es sich bei den Dargestellten um solche, die, wie die Künstlerin selbst, als Fremde in die Stadt kamen und über den Bildschirm Kontakt zu ihren Vertrauten halten, die weit weg sind. Die digitale Präsentation in Form eines mittels Beamer projizierten Loops mit einer Breite von etwa 1.20 Metern in einer Ecke im Raum ermöglicht es dem Betrachter, zur Ruhe zu kommen und die Intimität nachzuempfinden. 

Eine weitere Installation schuf Teresa Ellinger mit Meadow Portrait, welche ein real existierendes Stück Wiese an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit zeigt. Dafür fertigte sie zwei Wochen lang Fotos und Skizzen von besagtem Stück Wiese an. Den Ausschnitt von etwa 77×40 Zentimetern setzte sie anschließend in Originalgröße um, indem sie alles aus Papier formte: Blätter, Zweige, Blumen, Gras. Präsentiert wird dies in einer Vitrine, welche durch ihre Zweiteilung im ersten Fach das Kunstobjekt, die Wiese, und im zweiten Fach die Dokumentation des Schaffensprozesses zeigt. Das individuelle Stückchen Wiese zu einem unwiederbringlichen Zeitpunkt als Portrait eines Augenblickes setzt sie naturwissenschaftlichen Modellen, die mit ihrem Anspruch auf wirklichkeitsgetreue Wiedergabe der Natur absolut sind, entgegen.

Derzeit vereint sie in 23 out of 138 days die Darstellung von Pflanzen mit dem ihr bereits vertrauten Medium der Fotografie. 23 Tage lang nimmt sie einen Strauß Pflanzen auf dem Weg mit nach Hause. Jeden Tag fotografiert sie alle Pflanzen einzeln am selben Ort, dabei kommen neue hinzu, bereits vorhandene verändern sich, verwelken, fallen aus dem Strauß heraus. Weniger soll die Entwicklung der einzelnen Pflanze dokumentiert werden, als dass die nach dem 23. Tag entstandenen 411 Photographien als Zeitrechnung zu verstehen sind, als Sinnbild für das eigene Erleben eines Aufenthaltes an einem bestimmten Ort. Ist man für eine bestimmte Zeit an einem Ort, so ereilt einen jeden Tag viel Neues, was zu bereits Vertrautem dazustößt; es verhält sich analog zu den Blumen, die schließlich in der Woche der Abreise entsorgt werden.

Mit The outside view hat sie ein weiteres Fotoserienformat begonnen, welches noch nicht abgeschlossen ist. Überall stolpert sie über unbekannte, unvertraute Orte, zu denen sie noch keine Beziehung aufgebaut hat. Auf dem schmalen Grat zwischen Privatheit und Öffentlichkeit ist die Betrachtung von Fensterscheiben mit Neugier verbunden und der Frage danach, was sich wohl hinter Vorhängen und Plastikblumen abspielt. Die Geschichte ist unbekannt und die Fotos liefern keine Antworten, höchstens kleine Anhaltspunkte, und lassen sie offen, um Raum für Vermutungen zu schaffen.

von Nathalie Vogel – Kunsthistorikerin, Dresden

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