KARIN ARMBRUSTER
* 27.06.1990 in Freudenstadt

seit 2017
Künstlerische Mitarbeiterin an der HfBK Dresden

seit 2017
Meisterschülerin von Prof. Peter Bömmels

03/2015 – 09/2017
Mitglied der studentischen Initiative 10plus10

12/2014- 09/2016
Tutorin der Fachklasse von Prof. Peter Bömmels

02/2013 – 06/2015
Mitglied der Künstlergruppe vert&vent

10/2011 – 09/2017
Studium der Bildenden Künste an der HfBK Dresden

 

Ausstellungen (Auswahl)

2018
Adedede || Prof. Peter Bömmels und Absolvent*innen | Oktogon der HfBK Dresden
Aber Helden || Medienkulturhaus PENTACON | Dresden
Gruppenausstellung mit Nora Mesaros und Lars Frohberg | Galerie Töplitz

2017
NOD || SideDoor | Dresden (solo)
Diplomausstellung 2017 || Hochschule für Bildende Künste Dresden (Katalog)

2016
the most right swiped man || Bensoussan Han | Thessaloniki, Griechenland
konservativ.sein.lasssen || Alte Feuerwache Loschwitz | Dresden

2015
bonded2 || Altana Galerie | Dresden mit Lisa Pahlke
bonded || Hans Körnig Museum | Dresden mit Lisa Pahlke
stunner || Palais Palett | Dresden (solo)
Kunst:offen in Sachsen bei Claudia und Ronald Börner | Bärnsdorf
Echo II || Galerie Tiliart | Hole of Fame | Dresden

2014
Frieden ohne Burg || Galerie Tiliart | Hanse3 | Dresden
Im Bilde|| Bayer Kultur Stiftung | Leverkusen

2013
no credit – don’t ask || Senatssaal der HfBK | Dresden
Verbotene Ägyptologie zu verschenken oder gegen 1-2 Flaschen Bier zu tauschen || Friday Exit | Wien, Österreich

2012
mild at heart || Galleria Maniero | Rom, Italien

VERTIGO

Wild gestikulieren die Figuren über die Bildfläche. Mit heftigem Schwung drängen sich verfremdete Extremitäten vor unser Auge und drohen den Bildraum zu durchbrechen. Unser Fokus springt vom Hintergrund zum Vordergrund, changiert zwischen scharf und verschwommen, zielt auf das Gesicht, dann schnell wieder auf die Hände — aus Angst, dass sie uns zu nah kommen könnten.

Die Sichtbarmachung von körperlichen Emotionen und das Nachspüren von Körpersprache bilden den Mittelpunkt der Serie Vertigo von Karin Armbruster. Weniger was wir sehen, sondern was wir spüren wird zum Bild. Damit zeigt uns die Künstlerin jenen Moment, in dem Unberechenbarkeit Gestalt annimmt.

Die Porträts basieren auf dem gründlichem Studium der Realität. Durch die sensible Beobachtung individueller und polarisierender Aktionen einer einzelnen Person visualisiert Vertigo ein Phänomen, das ganze Nationen spaltet. Jair Bolsonaro ist seit 1. Januar 2019 Brasiliens neuer Pr

äsident. Die Lieblingsgeste des ultrarechten Staatsoberhauptes ist die aus Daumen und Mittelfinger geformte Pistole, die er symbolisch abdrückt. Seine Lust an Provokation ist unvergleichlich. Er hetzt gegen Minderheiten, hält Folter für harmlos und Hitler für einen glorreichen Strategen. Und alle Welt fragt sich: Wie konnte es soweit kommen, dass ein solcher Extremist das fünftgrößte Land der Erde regiert? Wie schon vielen fragwürdigen Führungspersönlichkeiten  Lateinamerikas gelang es auch Bolsonaro, in kürzester Zeit eine riesige Masse von Anhängern um sich zu scharen. Das verrät viel über den Zustand einer Gesellschaft. Die Sehnsucht der brasilianischen Bevölkerung nach einer harten führenden Hand, nach einer Kraft, die das in einem Korruptionssumpf und Gewalt versinkende Land aus seiner Misere herausführt, war offenbar größer als alle Bedenken vor einer erneuten Militärherrschaft und ihren augenscheinlich folgenden demokratiefeindlichen, diskriminierenden und isolierenden Symptomen. Die Stimmung im Land ist aggressiv wie nie. Wie kann jemand Hoffnung vermitteln, der radikale Zerstörung prophezeit?

Durch bewusstes Polarisieren stehen sich Begeisterung und Verzweiflung, Hoffnung und Wut, Sympathie und Aversion kämpferisch gegenüber. Abseits jeder Schuldfrage, konfrontieren uns Karin Armbrusters Bilder mit vereinnahmenden Gefühlswallungen, die uns entweder mitreißen oder abstoßen. Für die einen sind sie faszinierend und motivierend, für die anderen Abbild einer Bedrohung. Wir wissen nicht, wer die porträtierten Personen sind. Sie geben zu wenig preis, um Vertrauen oder Misstrauen hervorzurufen. Dennoch erkennen wir ihre ambivalente Interaktion mitdem Publikum. Der monochrome Hintergrund und die sich kaum davon abhebende Kleidung der Figuren sind der Beweis, dass Körpersprache unabhängig von gesprochener Sprache und ihrer Umgebung eine enorme Kraft entwickeln kann. In diesem Moment müssen wir selbstständig entscheiden, ob wir einen Schritt näher oder einen Schritt zurück gehen, bevor wir uns dem Bann hingeben.

von LucieKlysch – Kunsthistorikerin, Dresden

 

DIE OBSKURITÄT DES UNSICHTBAREN

„Warten Sie. Jenes WESEN! Wie sollte ich es benennen? Das UNSICHTBARE. Nein, das traf es nicht. Ich taufte es den Horla.“ – Le Horla, die phantastische Novelle von Guy Maupassant, handelt von einem unsichtbaren Wesen. Ein Wesen, das den Protagonisten im eigenen Haus heimsucht, ihm nachts den Schlaf raubt und selbst am Tage seinen Willen zu traktieren scheint. Die tragische Geschichte des Mannes, bedrängt von etwas Unsichtbarem, greift die subjektive Wahrnehmung zentralisiert auf und stellt diese zugleich in Frage.

Horla, damit betitelt Karin Armbruster ihre Arbeiten. Es sind fotografische, grafische und gemalte Porträts von Menschen, die sie kennt – häufig eng Vertraute. Ähnlich zu der Novelle Le Horla sind dabei die eigene Wahrheit, die subjektive Wahrnehmung und Wirklichkeit die primäre Thematik. Im Zwischenmenschlichen gibt es für Karin Armbruster eine Art Barriere, die unüberwindbar zu sein scheint. Dort, wo Worte nicht genügen, das Vokabular stagniert, um jemandes Charakter bestimmende Eigenschaft, das Nicht-greifbare zu beschreiben, bedient sich Karin Armbruster künstlerischer Mittel. Karin Armbrusters Ölgemälde als bloße Porträts zu deklarieren, wäre inkorrekt. Es sind mit hoher technischer Fertigkeit sorgfältig komponierte Arbeiten. Nichts ist dem Zufall überlassen. Der Betrachtende erblickt jeweils eine im leeren Raum angeordnete Person, die die Künstlerin mit einer Bandbreite von Gesten versah. Sie drücken Verschlossenheit aus, Hilfsbereitschaft, mal etwas Forderndes oder Missmutiges. Auch die Verwendung der Farben wurden bedacht gewählt; jede für sich kommuniziert etwas eigenes. Die Komposition eines Bildes evoziert beim Rezipienten eine Geschichte und referiert dabei den Ausdruck einer charakteristischen inneren Haltung jenes Abgebildeten. Die einzelnen Gemälde fasst Karin Armbruster zu Reihen zusammen, aus Bruchstücken werden serielle Arbeiten. Das Einzelne manifestiert sich zu einem Ganzen. Ein Vergleich der doch so konträren Darstellungen verschiedener Persönlichkeiten wird regelrecht erzwungen. Als Panoptikum ist eine Bildsprache aus Charakterzügen entworfen. Steht der Betrachtende davor, fügen sich die einzelnen porträtartigen Bilder zu einer narrativen Serie zusammen.

Neben den kleinformatigen Graphiken dienen Karin Armbruster insbesondere die Fotografien als Gedankenstützen für die weitergehende Arbeit an den großformatigen Ölgemälden. Der Reihe der fotografischen Werke ist jeweils eine affine Gestik der Porträtierten inhärent: das Verdecken des Gesichtes mit der eigenen Hand. Der Betrachtende erblickt Menschen geradezu reliefartig. Die außergewöhnliche Bildsprache der Porträts akzentuiert das Verborgene. Dieses Spiel des Verbergens setzt sich in den Ölgemälden fort. Während in diesen Arbeiten die Gesichter als solche zwar kenntlich sind, bleibt es dem Rezipienten vorenthalten, Augen zu erblicken. Das von Karin Armbruster bewusst Verhüllte, der sonst so greifbar erscheinenden Abgebildeten, tradiert den thematisierten Dualismus des Sichtbaren und Unsichtbaren, der äußeren und inneren Wirklichkeit, der Objektivität und Subjektivität. Nicht Äußerlichkeiten, sondern die mit bloßen Augen nicht ersichtlichen Persönlichkeitsstrukturen gewinnen an Bedeutung. Die Geschichte des Porträtierten, die eigene Wahrnehmung Karin Armbrusters, deren zwischenmenschliche Verbindung als auch die Grenzen dessen zeichnen sich als Hauptaugenmerk ihrer Arbeiten aus.

Ähnlich wie der Protagonist von Le Horla ist Karin Armbruster auf der Suche nach Klarheit. Er schreibt Tagebuch; sie fotografiert, malt, zeichnet. Es sind Arbeiten, die das von Karin Armbruster subjektiv-wahrgenommene Unsichtbare jener Person auf Papier gebracht darstellen lässt. Es ist ein Bestreben nach Konkretheit und Fassbarkeit. Karin Armbrusters künstlerisches Werk impliziert somit eine Widerspiegelung ihrer ganz eigenen kognitiven Suche nach Erkenntnis.

von Emilia Krellmann – Kunsthistorikerin, Dresden

Scroll Up