HAMIDREZA YARAGHCHI
*1984 in Teheran, Iran

2015
Fachklasse von Prof. Ralf Kerbach an der HfBK Dresden

2014
Studium der Bildenden Künste an der HfBK Dresden

2007
Bachelor in Grafik-Design an der Universität der Wissenschaft, Teheran, Iran

 

Ausstellungen (Auswahl)

2018
SMS – Sprösslinge mit Spaß || Stadtgalerie Radebeul | Radebeul

2017
nicht weinen, alles wird gut || Brühlsche Galerie | HfBK Dresden
Walter Koschatzky Kunst Preis || Hofausstellung des MUMOK | Museumsquartier Wien
Galerie Jean-Francois Kaiser || Straßburg

2016
Interventionen || Kunsthaus Dahlem | Berlin
Frankfurt || Galerie Hübner & Hübner | Frankfurt am Main
Orient-Okzident || Rathaus Dresden
banal memories || Galerie Hübner & Hübner | Frankfurt am Main (solo)

2015
Klassenformat || Brühlsche Galerie | HfBK Dresden

2013
Angst vor Glühwurm || Dastan basment Galerie | Teheran, Iran (solo)
History Game || Etemad Galerie | Teheran, Iran
Corrosion || Shirin Art Galerie | Teheran, Iran

2011
Galerie Maryam Fasihi Haranda | Teheran, Iran (solo)

2010
Landscape || Aran Art Galerie | Teheran, Iran

SUSPICIOUS REALITY

Seine künstlerische Laufbahn begann Hamid Yaraghchi in seiner Heimatstadt Teheran, Iran. Dort studierte er Grafikdesign und nahm zeitgleich außeruniversitär Unterricht in Malerei bei Professor Ahmad Vakili. Das Interesse an deutscher Kunst und Literatur war bereits früh durch verschiedenste Kataloge und Fachliteratur geweckt worden. Neben künstlerischen Positionen aus der Romantik und der Klassischen Moderne faszinierten ihn zeitgenössische Arbeiten so sehr, dass er sich entschied, den Iran zu verlassen und ein Studium der Malerei in Deutschland aufzunehmen. Seit 2014 studiert Yaraghchi an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden, ab 2015 in der Klasse von Professor Kerbach.

Hamid Yaraghchi beschäftigt sich grundsätzlich mit der Frage, wie die uns umgebende Realität objektiv wahrgenommen werden kann. Kann das Individuum seine Umwelt wirklich ohne Beeinflussung aufnehmen? Inwiefern manipulieren Erinnerungen und Erfahrungen die Rezeption? Nicht nur äußerliche Faktoren wie Lichteinwirkung oder Raumverhältnisse bestimmen, welches Bild zwischen Retina und Gehirn entsteht. Auch der Einfluss des bereits Erlebten, der Wiederhall vergangener Erfahrungen, verändert die Realität und erschafft eine jeweils eigene subjektive Wirklichkeit. So kann derselbe Raum von zwei Personen völlig unterschiedlich gesehen, aufgefasst und gefühlt werden. Die Objektivität der eigenen Wahrnehmung ist ein Trugschluss, dessen man sich bewusstwerden muss, wenn man über die Wahrheit diskutieren möchte. 

Für Hamid Yaraghchi ist der einzige Weg, einen Konsens über die Erscheinungen der Realität zu finden, die Abstraktion. Diese Schnittstellen der unterschiedlichen Wahrnehmungen werden in seinen Arbeiten malerisch untersucht, sondiert und ergründet. Unterschiedliche Perspektiven auf dieselbe Situation werden miteinander verschränkt. Die dargestellten Räume, Personen und Objekte fungieren als Bezug zur Wirklichkeit. Diese verschmelzen wiederum mit abstrakten Flächen zu einem Gesamtbild. Die Malerei ermöglicht es dem Künstler, Dinge, Körper und Räume durch unterschiedliche Grade der Abstraktion simultan im gleichen Bild existieren zu lassen. Die auf der Leinwand dargestellten, nebeneinanderstehenden Situationen und Begebenheiten geben Rätsel auf: Vollplastisch ausgearbeitete Körper stehen neben blanken Bildräumen, die Verortung ist diffus, Schauplätze scheinen mit unzusammenhängenden Gegenständen ausstaffiert. Die Zusammenhänge entziehen, verweigern sich bewusst dem Gegenüber, die Irritation, die von ihnen ausgeht, ist gewollt, ja sogar zentrales Element der Darstellung von Yaraghchis Malerei. So entstehen auf real existenten Leinwänden ambivalente Erscheinungen, die den Betrachter auf sich selbst zurückwerfen und ihn zur Reflexion zwingen.

Seine Motive findet der Künstler auf Fotos verschiedenster Medien. Wenn ihm eine Komposition gefällt, lässt er sich von ihr inspirieren, lehnt seinen Bildaufbau daran an. Durch inhaltliche oder gestalterische Änderungen arbeitet Hamid Yaraghchi das irritierende Moment heraus und verstärkt es. Unbelebte Räume werden mit menschlichen Figuren bevölkert, Mobiliar und Einrichtungsgegenstände werden gezielt gesetzt und Raumstrukturen durch abstrakte Flächen gebrochen. Die originale Farbgebung wird in den meisten Fällen nicht übernommen. Stattdessen wird eine reduzierte Farbpalette genutzt, um dem Bildraum eine monochrome Grundfarbigkeit zu geben.

Yaraghchi verwendet seine Leinwände häufig mehrfach, sodass unter dem aktuell sichtbaren Werk häufig noch ein weiteres versteckt liegt. Die ursprüngliche Bemalung bleibt an einigen Stellen unbedeckt und wird wiederum zum Bestandteil des neuen Gemäldes. Dies zeigt sich unter anderem in „Beach-Träumer“ (Hier Seitenzahl einfügen), Öl auf Leinwand, von 2018. Zu sehen ist ein Innenraum, in dem mehrere Sitzmöbel stehen, die wiederum auf zwei Fernseher ausgerichtet sind. Rechts in einem Sessel sitzt eine Person. Die Fernseher zeigen das Bild eines Strands, der obere in schwarz-weiß, der untere in satten, hellen Farben. Die monochrom graue Raumgestaltung wird durch kontrastreiche farbige Flächen unterbrochen. Der pastellrosa Fleck in der Mitte des Werks sowie die graue Fläche zwischen den Fernsehern verweist auf die darunterliegende Malerei. Diese sich nicht ins räumliche Gefüge einbindenden Bildmomente agieren als Störstellen und irritieren, ihr Ursprung und Zweck bleibt verborgen.

Hamid Yaraghchi stellt den Betrachter seiner Werke vor Rätsel und konfrontiert ihn mit Ungereimtheiten. Er spielt mit unserer Wahrnehmung und zeigt Zusammenhänge, die unserer Erfahrung und Erinnerung zuwiderlaufen. Vermeintlich Bekanntes wird umgedeutet, fordert eine Neuinterpretation und drängt uns zum intensiveren Schauen, um das Bildgeschehen vollends zu greifen.

von Nina Fischäss – Kunsthistorikerin, Dresden

 

HAMID YARAGHCHI

Hamid begann mit einem Grafikdesignstudium im Iran seine künstlerische Laufbahn. Noch währenddessen merkte er, dass die Malerei ihn mehr zuspricht. Als ersten künstlerischen Gegenstand beschäftigte er sich mit der Landschaft, aktuell ist er mit der Malerei vom Außen- in den Innenraum getreten. Besonders Badezimmer tauchen immer wieder auf seinen klein- und großformatigen Arbeiten auf. Warum eigentlich frage ich mich? Die Formen, die speziell dieser Raum enthält, beschäftigen ihn hier besonders, sagt er, und die Atmosphäre, die dieser private Ort mit den Menschen verbindet. Genau solche Verflechtungen zwischen Raum und Objekt sind ihm auf seinen Bildern wichtig. Er stellt Beziehungen zwischen dem was auf der Leinwand auftaucht her: Gegenstände, Mensch und Tier. Mit Komposition und Farbe erschafft er Stimmungen und Atmosphären, erkundet diese und ihr Wirken zueinander. Ein wenig Geheimnis bleibt durch seinen Malstil im Bild enthalten. Sind einmal bestimmte Gegenstände fast detailgenau dargestellt, lässt Hamid häufig auch Leerstellen. Daraus entstehen traumhafte Erscheinungen, einmal schärfer, ein andermal verschwommener.

Als Betrachter, der vor solch einen großformatigen Bild steht, wähnt man sich durch den gewählten Ausschnitt als im Bildraum stehend und nimmt so zum Beispiel bei „O.T“ einen voyeuristischen Blick an, also halb Teilnehmer, halb Außenstehender. Bei „dem Bild der Gefängniszelle“ steht man nur dem leeren Raum und den sich darin befindlichen Utensilien gegenüber und es scheint als würde ich vom Beobachter zum Teilnehmer wechseln. Hamid will mit seinen Bildern in erster Linie keine Geschichten erzählen, das braucht er gar nicht, denn diese kann sich der Betrachter selber konstruieren, indem er neben den Beziehungen der Objekte untereinander, auch die zwischen Bild und sich selbst ergründet. Genauso grübelnd fand ich mich vor „dem Bild der Gefängniszelle“  wieder und ging auf Spurensuche, denn es gibt einiges zu entdecken. Als erstes sah ich lediglich einen Wohnraum, ausgestattet mit Sofa und Pflanzen. Erst auf den zweiten Blick fiel mir das Waschbecken im Hintergrund ins Auge und ich erkannte eine Gefängniszelle. Plötzlich wirkte alles gedrungener und je weiter ich in den Raum blickte, desto persönlicher empfand ich ihn. Die Faszination liegt beim Betrachten in  der schon oben im Text erwähnten Leerstelle, die ein Geheimnis hinterlässt. Es gibt so viele Spuren, doch es bleibt das Gefühl, dass irgendetwas verborgen bleibt. Diese intensive und atmosphärische Bildsprache findet sich auch in seinen anderen Arbeiten wieder und immer liegt eine gewisse Spannung bei, die eine Auflösung unmöglich machen. Nicht ein offenes Ende, sondern eine offene Geschichte gilt es zu ergründen.

von Jenny Mehlhorn – Kunsthistorikerin Dresden

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