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GYDE BECKER
*1991 in Husum

2018
Fachklasse von Prof. C. Sery an der HfBK Dresden

2015-16
Studium an der Faculdade de Belas Artes de Universidade do Porto, Portugal

2012
Fachklasse von Prof. C. Macketanz an der HfBK Dresden

 

Ausstellungen (Auswahl)

2018
It’s all good in the hood || Offspace M.W. | Dresden
Exit through the Brel shop || An der Dreikönigskirche | Dresden

2016
The Things We Build || IEFP – CACE Cultural do Porto, Porto
Jadim do Éden || Centro Hospitalar Conde de Ferreira | Porto
Nähe und Distanz/closeness and ditance  || MKC | Skopje

2015
Wildwechsel || Rotes Haus | Friedewald
Delta || Espacio Gallery | London

DIE ÄQUILIBRISTIK VON DINGEN

Gyde Becker und ihre videokünstlerische Auseinandersetzung mit dem Abhängigkeitsverhältnis von Zeit, Kraft und Gleichgewicht.

Befasst sich die HfBK-Studentin Gyde Becker zu Beginn ihres Studiums noch mit der Malerei, setzt sie sich seit ihrem Auslandsaufenthalt an der Faculdade de Belas Artes de Universidade do Porto zunehmend mit dem künstlerischen Medium der Videoinstallation auseinander. So entsteht, ausgehend von einer in Porto entstandenen Installation zweier Stühle, nach ihrer Rückkehr an die HfBK das Werk Sekundenzähler.

Durch zwei raumhohe, stoffverhangene, offene Fenster scheint diffuses warmes Sonnenlicht ins Innere eines menschenleeren Raumes. Wie zwei Lichtsäulen rahmen die Fenster das im Zentrum stehende Interieur ein: Einen mit einem weißen Tuch bedeckten Tisch auf dem vier dunkle Holzstühle eine waghalsige Pose eingenommen haben. Erinnert dieser malerisch anmutende Moment aufgrund der eigenwilligen Beleuchtung und der zurückgenommenen Ausstattung in seiner Ästhetik für einen Augenblick an die verschlossenen statischen und leeren Räume des dänischen Künstlers Vilhelm Hammershøi, wird dem Betrachter mit dem nächsten Wimpernschlag bewusst, welchem Trugschluss er unterliegt. Der vorab statische Eindruck weicht dem Gefühl von Bewegung. Mit einem Mal werden die reglosen Objekte zu lebendigen Körpern, zu Akteuren des Geschehens. Jeder Stuhl gleicht einem geschickten Turnkünstler. Gleich einem Ensemble an Akrobaten stehen sie für diesen Balanceakt allesamt nur auf ihren hinteren Beinen. Die vorderen Stuhlbeine jedoch sind in den leeren Raum gestreckt. Ganz so, als würden sie sich gemeinsam an den Händen fassen, finden sie Halt beim jeweils anderen. Die Position jedes einzelnen steht dabei in unabdingbarer Abhängigkeit zu seinem Gegenüber. Der Drahtseilakt gelingt. Man möchte für dieses akrobatische Kunststück Beifall klatschen, hält jedoch, sich bewusst werdend über die Fragilität dieses Augenblicks, inne. 

Ein weiteres Kamerafenster öffnet sich dem Betrachter im linken Projektionsraum. Die vier “Akrobaten“ befinden sich nun draußen in der freien Natur. An die Stelle der lichtdurchfluteten großen Fenster tritt die Kulisse eines chaotisch wilden Holzhaufens. Im Bildvordergrund stehen sich die Sitzmöbel jetzt reglos und entseelt gegenüber und sind nicht mehr als ein ästhetisches, funktionelles, aus Holz geformtes, Produkt. Beinahe schmerzlich wird diese Realität, durch die Darstellung des Holzschuttberges im Bildhintergrund, von der Künstlerin kommentiert. Nun betritt Becker den Aktionsraum. Sie greift in die Situation ein, bringt das Stuhlensemble in die bereits bekannte akrobatische Figur. Mittels minimaler Handlung nimmt sie fortan Einfluss auf das Geschehen, gibt Impulse, beobachtet und dokumentiert deren Folgen. Dem perfekten Balanceakt im rechten Projektionsraum steht nun die Auflösung in einen chaotischen Prozess gegenüber. Das vorhergehende Konstruktionsprodukt weicht dem performativen Akt. Becker geht mit dieser Gegenüberstellung Fragen der Interdependenz von Kraft, Gleichgewicht und dem Faktor Zeit nach und beschäftigt sich auch über Sekundenzähler hinaus in weiteren Videoarbeiten mit eben solchen Gedankenmodellen. 

von Maxi Elisabeth Wollner – Kunsthistorikerin, Dresden

 

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