FRIEDERIKE BUTTER
* 19.02.1994 in Hoyerswerda

2016
Tutorin der Fachklasse von Prof. Peter Bömmels

2015
Fachklasse von Prof. Peter Bömmels an der HfBK Dresden

2014
Studium der Bildenden Künste an der HfBK Dresden bei Prof. R. Klümpen und Prof. B. Wille
Abgeschlossene Ausbildung zur Gestaltungstechnische Assistentin

 

Ausstellungen (Auswahl)

2017
Lady Hubsi und ihre Mannschaft || Goldene Pforte | Dresden

2016
Rennpappen – Geschichten von unseren Roadtrips || PlatzDa! | Dresden

2015
Gute Nachtgeschichten || artderkultur e.V. | Dresden

ZWEI FOTOGRAFIEN 

Seit 2014 studiert Friederike Butter (*1994) bildende Kunst an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Durch fotografische, malerische, plastische und grafische Arbeiten hat sie unterschiedlichste Disziplinen zu einem Netzwerk künstlerischer Ausdrucksformen verknüpft. Im September diesen Jahres wurde sie als Hauptgewinnerin mit dem Deutschen Jugendfotopreis ausgezeichnet. Im Zuge dessen waren ihre Fotografien zuletzt auf der Photokina, eine der wichtigsten Messen für Foto und Video weltweit, zu sehen. Kurz vor ihrem Auslandsaufenthalt in Bratislava treffe ich Friederike Butter in ihrem Atelier. Wir haben über unsere sogenannte ostdeutsche Herkunft und die daraus resultierende stark ambivalente Beziehung zum Thema Heimat gesprochen. Aber auch über visuelle Überraschungen, die durch das Fotografieren innerhalb dieser Identitätsspirale entstehen. 

 

Im Fokus stehen zwei analoge Fotografien, Osterreiten (2017) und Friedhof (2015). Beide Aufnahmen bestechen durch ihre ungewöhnliche Farbgebung, bei der Pastell mit dunklem Blaugrün zusammen trifft. Während das Grün der Friedhofsszene auf den dichten Wald im Hintergrund verweist, verstärkt das Grün der Reiterlandschaft die Tiefenwirkung. Schemenhaft reihen sich die Reiter am Horizont aneinander und werden von der massiven Wolkenformation fast verschluckt. Die Figuren am Horizont scheinen sich eher passiv in das Motiv einzufügen, während sich die Katze markant und selbstbewusst in das Friedhofsstillleben setzt. Durch ihre farblich strukturierte Komposition reizen beide Fotografien unser ästhetisches Empfinden. Auf dem zweiten Blick wirken die Bilder jedoch sonderbar. Die Unschärfe und die Anzahl Reitender auf dem linken Bild lassen fast schon auf eine historische Aufnahme schließen. Wobei das rechte Bild eine sich sukzessiv entwickelnde Melancholie erzeugt, die einzig durch die Anwesenheit der Katze unterbrochen wird. Aber das ist nicht der Punkt, jedenfalls nicht vordergründig. Um besser zu verstehen, ist es wichtig auf die Entstehungsorte zu achten. Radibor in Sachsen und Herzberg in Brandenburg gibt die Bildunterschrift zu erkennen. Zwei eher unbekannte Orte in den östlichsten Teilen Deutschlands. Für Friederike Butter spielen Orte und Ortswechsel eine ausschlaggebende Rolle. Geboren und    aufgewachsen ist sie in Hoyerswerda, ihre familiären Beziehungen erstrecken sich von dort in die Oberlausitz bis nach Brandenburg. Die Erinnerung an ihre Jugend ist durchwachsen. Hoyerswerda zerfällt in den späten 1990er Jahren. Die wirtschaftlichen zerschlugen die sozialen Argumente. Das ging ein paar Jahre gut, ein paar Jahre schlecht und dann nicht mehr. Erste Fotoexperimenten sind lange vor ihrem Studium entstanden. Seither sucht sie ihre Motive in der Umgebung von Freunden und Familie und trifft dabei auf Tradition und Ritus. Ihr fotografischer Fixpunkt lässt es zu, dass Themen wie Identität und Gesellschaft gemeinsam mit Dokumentation und Landschaft zu einem Fotogenre zusammen schmelzen. So entwirft sie ein beeindruckendes Porträt jener Orte, die Heimat sein sollten und bietet einen seltenen Einblick in die Eigenarten deutscher Provinzen. Jedes Foto ist ein Rückblick, eine Prüfung dessen, ob dieser Ort, der Heimat ist, auch Heimat bedeutet. Ihr geht es nicht um den ermüdenden Versuch die Antwort darauf zu finden, warum die Menschen hier vieles so anders sehen. Vielmehr ist es der Versuch einer Versöhnung mit diesen historisch und autobiografisch aufgeladenen Räumen. Es sind keine Leerstellen zu sehen, obwohl hier so wenige Menschen leben, dass manche Gegenden als unbevölkert gelten. Für die Lebensqualität dieser Orte ist etwas anderes von entscheidender Bedeutung. Dazu gehören traurig-graue Klischees gleichermaßen wie die friedliche und verschlafene Idyllik.

Die Reiterlandschaft beispielsweise zeigt das sogenannte Osterreiten, ein altes Ritual bei dem die Auferstehung Christi verkündet wird. Ursprünglich ein heidnischer Brauch der Slaw*innen, die alljährlich im Frühjahr um ihre Felder ritten, um eine gute Ernte zu erbitten. Nach der Bekehrung der Slaw*innen zum Christentum, wurde dieser Brauch von der Kirche übernommen und so bis heute im katholischen Teil der sorbischen Lausitz — Gebiete zwischen Hoyerswerda, Kamenz und Bautzen — durchgeführt. Festlich gekleidete Reiter ziehen singend durch die Ortschaften, um dort das Ereignis der Auferstehung bekannt zu machen.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Fotograf*innen periphere Gebiete als Motiv wählen. Doch für gewöhnlich bestechen diese durch kühle monochrome Farbwerte und präsentieren Leerstellen, Beton und Verfall. Immer auf der Suche nach Existenzen, die sich im Nichts auflösen; Orte, an denen die Zeit verschwindet und verschrobene Skurrilitäten, die unser kollektives Gedächtnis mit Mythen und Stereotypen aufladen.

Friederike Butter generiert mit ihren Fotos eine bemerkenswerte Sachlichkeit. Das Bild der öffentlichen Provinz wird nicht gierig aufgegriffen, um zu verklären oder Überlegenheit zum Ausdruck zu bringen. Der entscheidende Punkt bei der fotografischen Umsetzung ist die Selbstverständlichkeit mit der sowohl Vertrautes als auch Befremdliches präsentiert wird. Die Motive scheinen den Frieden mit sich selbst bereits für das Foto mitzubringen. Mit der Kamera formuliert sie ihre eigene Sicht auf die Region, mit dem Bewusstsein darüber, wie mit Fotografie die Abbildung von Wirklichkeit und Vermittlung von Authentizität generiert wird.

Im Oktober 2018 veröffentlichte das Zeit-Magazin ein Interview mit Ute und Werner Mahler — Schlüsselfiguren der Fotografie in der DDR und den 1990er Jahren. Ihr Bildband Kleinstadt ist kürzlich erschienen und präsentiert das Ergebnis einer dreijährigen Expedition durch 100 deutsche Kleinstädte. Die Aufnahmen sind mehrdeutig, nahezu rätselhaft und gleichzeitig vertraut. Es sind alltägliche Bilder, die wir nicht einordnen können und doch selbstverständlich aufnehmen. „Wir wollten unaufgeregte Städte besuchen, die in keinem Reiseführer stehen. Wir nennen sie übersehene Städte […] Diese Orte sind Biotope, in denen das Leben übersichtlich erscheint. Wo es große Gemeinschaft gibt, aber auch starke soziale Kontrolle. Da, wo es keine Attraktionen gibt, werden die Kleinigkeiten spannend“.

Hier wird deutlich, was auch für Friederike Butters Fotografien wesentlich ist. Sie adaptiert eben nicht die distanzierte kühle Bildsprache und formale Strenge. Ihr gewohnter Blick an die Umgebung verhindert einen gedämpften Stimmungswert der Bilder, womit ein Gegenwert zur vordergründigen Banalität erzeugt wird. 

von Lucie Klysch, Kunsthistorikerin Dresden

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