ERIC BEIER
* 1981 in Dresden

seit 2014
Studium der Bildenden Künste (Malerei/Grafik) bei Prof. Christian Sery, HfbK Dresden

2009 – 2013
Max Planck Institut für Zellularbiologie und Genetik in Dresden | Freiberuflich kunstschaffend, intensives Selbststudium

2004 – 2008
Berufsausbildung

2000 – 2003
Fachoberschule für Gestaltung in Dresden

1995 – 1996
Efterskole Julsminde (Dänemark)

 

Ausstellungen (Auswahl)

2019
Mein Sehen bleibt physisch folgenlos || ALTANA Galerie | Dresden

2018
Buchmesse Leipzig | Galerie „nummeriert und signiert“
Let’s pretend this is important || Senatsaal der HfBK Dresden mit Marco Leitermann
Ungut || Zukunftsvisionen – Festival für zeitgenössische Künste || Görlitz
Fragile And Artificial || Curbach/Müller Salonausstellung | Dresden mit Ursula Buchart
Existenz || Oktogon | HfBK Dresden

2017
This ability || BTZ | Dresden

2012
Familie || Kunstraum Schillerstraße |Wolfgang Bosse

2009
Regards sur Dresde || Rathaus der Stadt Rennes | Frankreich

2007
Galerie Kunsthof Halberstadt

 

Workshopleitung

2018
Worcation || Meeting Point Music Messiaen e.V. | Görlitz

EUROPA, TRICOLORE UND CYBORG-CODEX-ALDI

Europa, Tricolore und Cyborg-Codex-ALDI sind Teil der im Herbst 2017 von Beier begonnen Werkserie Cyborg Playground. Den konzeptuellen Ausgangspunkt bilden drei standardisierte Piktogramme, die sich auf das Geschlecht oder den Behindertenstatus eines Menschen beziehen: Mann, Frau und Rollstuhlfahrer*in. Beier zerlegt die ordnenden Symbole in ihre Einzelteile und setzt sie in Verwendung unterschiedlicher Techniken, Materialien und Dispositive neu zusammen. Resultat ist ein hieroglyphenartiges Zeichensystem, das, aus 29 Elementen bestehend, sowohl das lateinische Alphabet in neufigurierter Form als auch die drei ursprünglichen Piktogramme – ersetzt durch Fragezeichen, Punkt und Komma – enthält. Mit dem Titel der Werkserie stellt Beier einen Bezug zu dem erstmalig 1985 erschienen „A Cyborg Manifesto“ von Donna Haraway her. In ihrem Aufsatz setzt sich die Autorin mit gesellschaftlichen und politischen Konsequenzen der Verschmelzung von Organismen und Maschinen im biokybernetischen Zeitalter auseinander. Beier konzentriert sich auf das Piktogramm des*der Rollstuhlfahrer*in, das stellvertretend für verschiedene Formen körperlicher Behinderungen steht und eine Art Fusion von Mensch und technischem Apparat darstellt. Obwohl die medizinische Versorgung von körperlich Eingeschränkten heute oft nicht weniger bindend ist als die allgemeine Abhängigkeit von Zulieferern wie dem Lebensmittelvertreiber, dem Energieversorger oder dem Handyanbieter, nehmen behinderte Menschen nach wie vor oft einen Sonderstatus ein. Indem Beier die Fragmente von Mann, Frau und Rollstuhlfahrer*in verbindet, setzt er sie miteinander gleich und postuliert die gesellschaftliche Gemachtheit bestimmter Menschentypen. Die Willkürlichkeit seines Zeichensystems überträgt sich im Vergleich auch auf die standardisierten Piktogramme: Warum müssen es gerade Geschlecht, Behinderung oder andere gesellschaftlich stigmatisierte Körpermerkmale sein, die einen Menschen definieren?

“There is no drive in cyborgs to produce total theory, but there is an intimate experience of boundaries, their construction and deconstruction. There is a myth system waiting to become a political language to ground one way of looking at science and technology and challenging the informatics of domination – in order to act potently.” (Donna Haraway)

Aus Beiers Beschäftigung mit dem technischen Fortschritt, der Reproduzierbarkeit und Objektivierung des Menschen geht eine Utopie hervor: Der Cyborg Playground versinnbildlicht die Überwindung sozialer Grenzen, Integration und Gemeinschaft. Mann, Frau und Rollstuhlfahrer*in werden in dekonstruierter Form zu etwas Unbestimmtem und Gleichrangigem, das keine Geschichte und keine Ecke zum Abstellen besitzt. Ein ähnlicher Prozess der Dekonstruktion lässt sich unter anderem auch mit den klischeebesetzten Bildernvon People of Color oder LGBTQ-Menschen denken. Beier hinterfragt prinzipiell die Notwendigkeit, Menschen aufgrund bestimmter Merkmale zu separieren und skizziert ein Weltbild, das sich nicht auf Differenz, sondern auf Vielfalt stützt.

Über das A Cyborg-Manifesto hinaus beziehen sich Europa, Tricolore und Cyborg-Codex-ALDI auf ein konkretes kulturhistorisches Objekt, den sogenannten Codex Dresdensis. Anders als der heutige Titel suggeriert, handelt es sich dabei um einen vermutlich aus dem 13. Jahrhundert stammenden Maya-Kalender, der im Zuge der spanischen Conquista im 16. Jahrhundert von Lateinamerika nach Europa gelangte. Als eines von wenigen Schriftstücken überlebte der Kalender die öffentliche Verbrennung indigener Literatur, Kunst- und Kultobjekte unter Anordnung des Bischofs Diego da Landas 1562 in Yucatàn (Mexiko). Während die indigene Bevölkerung Lateinamerikas massenweise unterdrückt, ausgebeutet und ermordet wurde, gelangte der Kalender über Umwege nach Dresden, wo er sich heute im Buchmuseum der Sächsischen Landesbibliothek, Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB) befindet. Beier greift die Optik des Codex auf und gleicht sein Zeichensystem der im zweiten Jahrhundert v. Chr. entstandenen Maya-Schrift an. Die Einzelteile von Mann, Frau und Rollstuhlfahrer*in ersetzen die Darstellungen von Gottheiten und Anleitungen zu religiösen Ritualen. Die Entschlüsselung Beiers Arbeiten führt zu Preislisten von Produkten, die der Lebensmittel-Discounter ALDI aus Lateinamerika bezieht: Schokolade, Kaffee, Zucker usw. Der Künstler konfrontiert den*die Betrachter*in mit der gegenwärtigen, primär durch den Handel geprägten Beziehung von Europa und Lateinamerika. Wie schon in der Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Mensch und Technik, erkennt er hier eine Form der Abhängigkeit. Ohne Zulieferer aus Mexiko, Kolumbien oder Guatemala könnte die europäische Bevölkerung ihren gewohnten Lebensstandard nicht aufrechterhalten. Dass für diese Art der ökonomischen Zusammenarbeit ganze Regionen und Völker Lateinamerikas ausgebeutet werden, ist im Angesicht der im Supermarkt aufgereihten Produkte nur noch schwer erkennbar. Die Fusion von Organismen – Mensch, Maschine, Staat – lässt Gesellschaftsstrukturen immer komplexer und unübersichtlicher erscheinen. Nicht von Diskriminierung betroffene Menschen vergessen oder ignorieren die alltäglichen Schwierigkeiten von Minderheiten. Beier er-innert daran, dass die Gesellschaft aus einem einzigen zusammenhängendem Gefüge besteht und jede*r zu dessen Aufrechterhaltung oder Dekonstruktion beiträgt.

von Luise von Nobbe – Kunsthistorikerin , Dresden

BEWUSSTSEINSERWEITERUNG

Wer glaubt, in die Tiefen seines Inneren und seiner Vergangenheit eintauchen zu müssen um Eric Beiers Bilder zu verstehen, liegt falsch. Wer denkt, selbstverständlich zu wissen, warum er macht was er macht, liegt ebenfalls daneben. Aber selbst wenn man versucht sich unbeirrt auf seine Arbeiten einzulassen, stößt man immer wieder an Grenzen. Nicht an seine, sondern an die eigenen.
Eric Beier steht scharfen Fragen und Kritik offen gegenüber. Hochmut und unangebrachte Rücksichtnahme nutzt er aus für Konfrontation. Es sind exakt  diese Situationen des Aufeinandertreffens, die sein starkes Bedürfnis nach einer neu codierten Wahrnehmung entfachen. Ähnlich einer Grammatik, die wie das Setzten von Punkt und Komma automatisch unterbewusst funktioniert und manifestierte Fremdartigkeit und Unbehagen auslöscht.
Seine großformatigen Malereien sind überwiegend Gruppen- oder Einzelportraits – ausgelassene Situationen am Strand, beim Sport oder anderen Freizeitaktivitäten. Die Situationen sind offensichtlich, genauso wie die abgebildeten Gegenstände. Was nicht zu erkennen ist, sind die Gesichter. Damit wird offenbart, was der „normale Mensch“ sieht, wenn er sein Gegenüber als „unnormal“, als Mensch mit Behinderungen, wahrnimmt. Ein Umstand, der in seiner Realität befremdliche und unbehagliche Gefühle auslöst. Eine Prothese oder ein Rollstuhl impliziert ein Hindernis und die Persönlichkeit, das Gesicht, bekommt Rang zwei. Der gesunde Mensch hat im Moment der ersten Begegnung sowieso sein Urteil gefällt, was da mit großer Wahrscheinlichkeit lauten mag: „Verammt, du tust mir leid. Hilfe, wie geh ich damit um? Abstand“.
Ein Rollstuhl grenzt aus und schirmt ab. Er wird zu einem Label, das nicht abzuschneiden ist, obwohl für alle Menschen die gleichen Regeln und Gesetze gelten. Mit seinen Gemälden hinterfragt Eric Beier scharf die vorherrschende Distanz zwischen zwei Gesellschaften. Dass diese Distanz jedem absurd und unwirklich erscheint ist klar, aber wir alle gliedern uns bewusst und unbewusst in diese Zwei-Klassen-Gesellschaft.
Und warum? Weil uns keiner sagt, wies richtig geht.
Seine aktuellen Arbeiten zeigen Schriftzeichen, die uns fremd sind auf Objekten, die wir kennen. Fremdartige Hieroglyphen reihen sich auf Leinwänden eng aneinander oder pressen sich in Tonplatten. Es sind herkömmliche und traditionelle Reproduktionsmedien, deren Inhalte sich den Betrachtenden nicht erschließen wollen. Die Interpretation dieser Arbeiten nimmt immer komplexere Ausmaße an. Es hilft, sie als serielle Experimente zu betrachten und dabei den Blick auf eine Arbeit zu richten, die zur Zeit mitten im Entstehungsprozess steckt. Eric Beier konstruiert einen übergroßer Zauberwürfel frei nach Rubik, welcher seine Einzelteile durch Magneten hält. Darauf sind unmissverständliche Piktogramme abgebildet. Neben den genderspezifischen Symbolen für Frau und Mann reiht sich das Piktogrammm für eine behindertengerechte Umgebung ein. Uns allen bekannt aus diversen Toilettensituationen. „Wie radikal müsste man Integration oder Inklusion denken, um zu verstehen?“, fragte mich Eric Beier bei dem Versuch mir seine abstrakten Gedanken zu erschließen und trifft damit ins Schwarze. Die kleinste gemeinsame Schnittmenge unserer Wahrnehmung von körperlichen Unterschieden drückt sich sehr gut in Piktogrammen aus. Sie verleihen der skurrilen gesellschaftlichen Kluft zwischen Abnormität und Normalität einen sinnlich erfahrbaren Ausdruck.

von Lucie Klysch – Kunsthistorikerin, Dresden

 

CYBORG PLAYGROUND

Eric Beier setzt sich in seiner Werkgruppe »Cyborg Playground« mit der menschlichen Identität und Gemachtheit auseinander. Die von der Gesellschaft künstlich erschaffenen Rollenbilder – Mann und Frau –, die uns in ein System der Kategorisierung von männlichen und weiblichen Verhalten drängen, werden in seiner aktuellen Serie aus Malerei, Objekt und Grafik aufgebrochen und reformuliert.
Ausgangspunkt sind die uns so wohl vertrauten Piktogramme, die uns den Weg auf das richtige WC weisen – Männlein, Weiblein und behindertengerecht. Diese Zeichen begegnen uns allerdings nie in ihrer uns bekannten Weise, sondern immer in Bruchstücken, Fragmenten. In seiner Malerei zeigen sie sich auf akkurat angeordneten Quadraten, ebenso in seinen Objekten – den Rubic Cubes.
Immer sucht der Betrachter nach der ursprünglichen Ordnung, ganz bewusst oder unterbewusst beginnt er die Vollständigkeit der Puzzleteile zu prüfen, schaut, ob sich die Bruchstücke der Geschlechtersymbole – zumindest theoretisch – wieder zusammenfügen lassen. Während sich die Erkenntnis vor der Leinwand recht schnell einstellt, braucht es beim Würfel länger. Die Komplexität der Zerlegung weckt ein Bedürfnis des Ordnen – Wollens und weckt ganz bewusst den uns immanenten Spieltrieb.
Während in diesen Arbeiten die Piktogramme als solche erkennbar bleiben, geht Eric Beier in seinen Grafiken und Artefakten einen Schritt weiter. Er zerlegt die Piktogramme in ihre Einzelteile. Dadurch erhält er einen Fundus an Elementen aus Linien, Kreissegmenten und Punkten, die wiederum in ein neues System überführt, eine ganz eigenständige Schrift bilden. Mit diesem Aufbrechen der Formen geht auch die symbolische Zerlegung unserer klassischen Rollenbilder und der dazugehörigen Stereotypen einher.
Auf den ersten Blick erscheint diese Schriftsprache fremd, erinnert an Runen und Hieroglyphen. Eine bewusste Referenz zur babylonischen Keilschrift der Sumerer wird in den fragilen, zerbrochenen Tontafeln, den Artefakten, gezogen. Und dennoch können diese Zeichen sich einer gewissen Logik nicht verwehren und so scheinen sich die einzelnen Symbole wie von selbst zu dechiffrieren, sich einem Lesefluss zu unterwerfen, auch wenn sie uns weiterhin ihre Bedeutung verweigern. Einen weiteren Aspekt in diesem neuen komplexen System nimmt die Cyborg-Theorie ein, die der Serie ihren Namen gibt Cyborg Playground. So bedient sich Eric Beier nicht nur der Texte von Karin Harrasser u. a. aus dem Werk Körper 2.0 – Über die technische Erweiterbarkeit des Menschen und stellt lateinische Letter seiner Übersetzung gegenüber, sondern eröffnet mit dem Begriff Spielplatz für seine Werkreihe eine ganz neue Ebene.

von Maren Marzilger – Kunsthistorikerin, Dresden

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